Das Velosolex ist wieder da!

Jubiläum
60 Jahre Serienproduktion VeloSolex
1946 - 2006


Bei VeloSolex in Paris
Täglich 1400 Mopeds




In den Fünfziger und Sechziger Jahren produziert VeloSolex vor allem in Paris.


VeloSolex, das Schwesterunternehmen der weltbekanntens französischen Vergaserfirma Solex hat unlängst begonnen, auch den deutschen Markt mit ihrem Moped zu beliefern. Nun wäre es an sich nichts Besonderes, wenn neben den vielen Mopedherstellern mit ihren zahlreichen Mopedmodellen noch ein weiterer aus Frankreich hinzugekommen wäre. Aber bei VeloSolex ist es doch schon etwas Besonderes. Allein der Preis von 345 DM genügt schon, um sehr aufmerksam zu werden, ist es doch bei uns so, daß man erst von etwa 500 Mark an aufwärts brauchbare Mopeds haben kann. Worin liegt also das Geheimnis von VeloSolex und wie kommt es, daß in 13 Jahren über 2 Millionen dieses einen Fahrzeugmodells verkauft werden konnten, das im großen und ganzen unverändert gebliben ist? (Heute, nach fünfzig Produktionsjahren und über 6 Millionen Stück hat sich daran nichts geändert - Anm. d. Redaktion) VeloSolex lud uns jetzt ein, selbst einmal in Paris an Ort und Stelle hinter die Kulissen zu schauen und seine eigenwillige, aber erfolgreiche Produktions- und Verkaufspolitik kennenzulernen. In den Pariser Werken produziert jetzt täglich eine Belegschaft von 700 Menschen 1400 Mopeds. Kein einziges deutsches Werk hat einen so großen Tagesausstoß eines Mopedmodells.



Blick in die Auslieferungshalle.


M. Goudard, der Mitbegründer von Solex, hatte schon vor dem Kriege die Idee, ein Fahrrad mit einem möglichst einfachen Hilfsmotor auszurüsten und so ein preiswertes, populäres Beförderungsmittel zu produzieren. So entstand bereits 1938 der Motor, und 1940 war der erste Prototyp da, bestehend aus diesem Motor, der noch heute im Grundprinzip vorhanden ist, und einem normalen Fahrrad. 1944 schließlich gab es dann jenen Prototyp, dessen Fahrradrahmen wesentlich verstärkt wurde und fast identisch ist mit der noch heute gültigen, gültigen Konstruktion. Die erste Serie von täglich 8 VeloSolexmachinen lief am 2. Mai 1946 Paris-Courbevoie in den wiederaufgebauten ehemaligen Werks hallen der Hispano Suiza an. Bereits 1951 waren es 240 Stück pro Tag des weiter verbesserten Modells. 1955 sah man wiederum eine weiterentwickelte, doch im Prinzip unveränderte Ausführung, von der nun bereits täglich 920 Fahrzeuge vom Band rollten. 1958 betrug der Tagesausstoß 1290 Fahrzeuge mit den Verbesserungen, wie sie auch heute noch produzierte Ausführung besitzt.



Fertigung der mechanischen VeloSolex-Teile.


Zu den charakteristischen technischen Merkmalen des VeloSolex-Mopeds gehört die einfache stabile Zweckkonstruktion fast ohne jede Verzierung. Es gibt keine Vorder- oder Hinterradfederung, kein Getriebe, keine Antriebs kette , keinen Benzinhahn oder Schwimmergehäuse. Das Fahren ist durch die Einhebelbedienung ungewöhnlich einfach, denn man zieht den Hebel zum Starten, indem man die Kompression löst, und man gibt mit demselben Hebel Gas bzw. unterbricht die Gaszufuhr und hält dann an, wobei lediglich noch die Felgenbremsen bedient werden müssen. Vor allen Dingen läßt sich das VeloSolex bei abgeschaltetem Motor besonders leicht mit den Pedalen fahren.
Das Werk von VeloSolex ist in sehr konsequenter Weise durchorganisiert. Das beginnt beim Aufstellen der modernen Werkzeugautomaten, die im Durch schnitt kaum älter als zwei Jahre sind. Hinzu kommt, daß fast jede Maschine über eigene Solex-Micro-mètre-Meßinstrumente verfügt, so daß sofort jedes fertige Werkzeug auf vorgesehene Toleranz überprüft werden kann. Allerdings kann man sich bei einer Firma dieser Größenordnung ein so ausge klügeltes Kontrollsystem wohl nur leisten, weil die kostspieligen Meßinstrumente sozusagen in der Familie hergestellt werden. Es gehört zweifellos viel Mut dazu, nur ein einziges Modell herzustellen und diesen Moped-Typ praktisch über Jahre hinaus unverändert zu lassen. Mit nur 35 Mann werden in dem automatisierten Rahmenwerk täglich 12.000 Rahmen hergestellt, wobei man die Spitzenforderung der Hochsaison dann aus Lagerbeständen deckt. Nicht weniger praktisch sind die Ersatzteilhaltung und Packerei eingerichtet, denn die schnelle und reibungslose Ersatzteilversorgung spielt eine entscheidende Rolle bei VeloSolex.


In Spitzenzeiten verlassen 1400 VeloSolex das Pariser Werk.


Die Solex-Leute wachen mit Argusaugen über den soliden und fachlich einwand freien Aufbau ihrer Kundendienststationen, weil sie mit Recht erkannt haben, daß nur so auf Dauer ihre guten Verkaufserfolge erhalten bleiben können. Die Solex-Inspektoren schreiben aber nicht nur die äußere Sauberkeit vor, sondern sprechen im Namen des Werkes oft ein entscheidendes Wort mit bei der Gestaltung der Räumlichkeiten. So müssen die Händler genormte Werkstatt ausrüstungen, Arbeitsstände, Prüfstände, Ersatzteilschränke und dgl. anschaffen. Gerade durch den geringen Preis, der in Frankreich umgerechnet sogar nur 280 Mark pro VeloSolex-Moped beträgt, ist das Werk auf großen Absatz ange wiesen. In Frankreich erhalten die Händler nur 14% Provision, und in einer Stadt wie Orléans mit 70.000 Einwohnern werden monatlich rund 170 VeloSolex-Mopeds verkauft. (...)



Endabnahme auf einem der bekannten VeloSolex-Prüfstände. Sie sind
damals nicht nur im Werk, sondern auch bei allen größeren Händlern
vorhanden.


Naturgemäß sind dieVerkaufsverhältnisse in Deutschland z.T. ganz anders. Dennoch gibt es bei uns einschließlich Saargebiet in 23 Städten VeloSolex-Kundendienst stationen mit dem entsprechenden Netz von Unterhändlern. Der weitere stetige Ausbau ist bereits in vollem Gange. Obwohl der Käufer aus mancherlei Gründen psychologisch gegenüber diesem sehr nüchtern wirkenden Fahrzeug, das zudem mit Einganggetriebe in gebirgigen Gegenden durchaus nicht in gleicher Weise geeignet ist, Vorbehalte geltend macht, gibt es auf der anderen Seite erstaunliche Aufgeschlossenheit. Denn die Argumente der Wirtschaftlichkeit bezüglich Anschaffungspreis und Unterhalt sind letzten Endes gewichtige Pluspunkte der VeloSolex-Konstruktion. Sehr wesentlich für den Erfolg von VeloSolex sind die zum Teil bewußt niedrigen Ansprüche in anderen Ländern, wo sich die Leute auch ohne Getriebe oder Federung zufrieden geben. Schade, daß so etwas anscheinend nur in Frankreich möglich ist.
Joh.-Chr. Spira

Im Original erschienen 1959 in der Motor Rundschau




Citroën und Solex
Warum das Verhältnis zwischen
beiden Herstellern besonders eng war



Jeder Citroën 2CV-Fahrer ist zwangsläufig auch mit der Marke Solex verbunden, denn die serienmäßig eingebauten Vergaser der Ente tragen von Anfang an den Namen des Pariser Unternehmens Solex. Wegbereiter für die Jahrzehnte lange Zusammenarbeit zwischen Citroën und Solex ist eine unbürokratische Überein kunft zwischen André Citroën und Maurice Goudard. Es geht um ein Grundstück am Quai de Javel. Doch der Reihe nach ...
Die Anfänge von Solex gehen zurück in das Jahr 1909. Damals beteiligen sich Maurice Goudard und Marcel Mennesson - er ist der Erfinder des späteren VeloSolex - mit ihrem Unternehmen "Société Goudard et Mennesson" an einer Ausschreibung der "Compagnie Générale des Omnibus". Es geht um einen Auftrag über 400 Zentrifugalkühler für Pariser Omnibusse. Das junge Unternehmen erhält den Zuschlag und damit einen ersten lukrativen Auftrag. Zunächst ist man voll auf die Produktion von Kühlern spezialisiert und kann bereits 1911 unter dem neuen Markennamen "Solex" Räumlichkeiten im Pariser Stadtteil Levallois beziehen.
Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges verlegt man sich auf die Fertigung von Vergasern, denn der Bedarf für die Wehrwirtschaft ist entsprechend hoch und der damals bedeutendste Hersteller Zenith nicht annähernd in der Lage, den Bedarf zu decken.
Nach Ende des Krieges bricht der Absatz von Vergasern dann aber fast völlig zusammen: für Militärlastwagen besteht kein Bedarf mehr. Um dem sicheren Ruin zu entgehen beteiligt sich Solex zunächst übergangsweise an der großen Pariser Autowerkstatt Saint-Didier und kann sich so über Wasser halten. Die Fertigung von Vergasern besteht in jenen Jahren zwar weiter, die erzielten Stückzahlen erreichen aber nicht ansatzweise den Austoß zu Kriegszeiten.
Erst 1922 ist ein neuer Großabnehmer für Solex-Vergaser gefunden: Die aufstrebenden Automobilwerke des André Citroën. Dank ihrer erstmals (in Europa) praktizierten Fließbandproduktion hat Solex für Jahrzente volle Auftragsbücher.
Ein Zufall ist die Zusammenarbeit nicht, denn der Kontakt zwischen Citroën und Goudard entwickelt sich ausgerechnet über ein für Citroën fast fehlgeschla genes Grundstücksgeschäft: Während des ersten Weltkrieges ist Goudard zufällig im Taxi am Quai de Javel unterwegs. Dort entdeckt er ein zum Verkauf ausge schriebenes Gelände mit einer Fläche von 10.000 Quadratmetern. Kurzentschlossen erwirbt er es noch am gleichen Tage zu einem Preis von 125 Francs pro Quadratmeter. Da die Fläche noch von der französischen Armee genutzt wird, ist der Kaufpreis erst nach Beendigung des Krieges zu zahlen. Zwei Tage nach Abschluß des Vertrages erhält Goudard einen bedeutungsamen Anruf: Am anderen Ende der Leitung ist kein geringerer als André Citroën. Citroën überredet Goudard, ihm das Grundstück abzutreten. Als Gegenleistung verspricht er, Solex später einmal zum bevorzugten Vergaser-Lieferenaten für seine geplante Automobilproduktion zu machen. Und tatsächlich: André Citroën hält Wort und macht Solex ab 1922 zum Haupt lieferanten für seine Automobilfertigung.

Man stelle sich vor, die Absprache wäre nie erfolgt! Solex wäre längst in Vergessenheit geraten, und für Citroënisten wäre der Quai de Javel wohl kaum zur bis heute mystischen Adresse geworden!


Von Jan Eggermann



Vertiefende Literatur zum Thema:



Velosolex de mon père
von Franck Méneret und Jean Goyard

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Die Geschichte des Velosolex

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